Sonntag, 08.03.2015

#49 Wieder da

Hallo

Es ist so viel Zeit vergangen, und natürlich bin ich jetzt schon wieder zurück in Deutschland, heute ist es ein Monat. Ich hätte gerne wenigstens noch einmal in Japan geschrieben, aber ich hatte null Zeit. Auf jedenfall will ich nicht, dass irgendjemand denkt, dass ich so genervt, wie ich es war, als ich den letzten Eintrag schrieb, auch heimgefahren bin. Ja, es gab manche Dinge, die mich mit der Zeit mehr genervt haben, und das hat sich etwas angestaut und so habe ich diesen Eintrag geschrieben. Aber im Allgemeinen ging es mir auch am Ende immer noch gut und ich habe die letzten Tage oder Wochen in Japan wirklich genossen, ich hatte halt nur viel zu tun.

Die letzten drei Wochen

Nach der Orientation, von der ich im vorletzten Eintrag schrieb, blieben mir noch 3 Wochenenden. Aikido, mit einer Freundin treffen, Kuchen backen, mit denen aus dem Teezeremonieclub essen gehen, in das Restaurant von Nu-Leks Gastfamilie gehen, wo wir mehrmals waren, mit meiner Gastmutter einkaufen, Aikido, mich mit einer Freundin treffen, mit meiner Gastfamilie essen gehen, mit Freundinnen aus dem Wander-club essen gehen, zum Karaoke gehen. Und dazwischen noch packen, Gepäck verschicken, Reden schreiben. Unter der Woche hatte ich ganz normal Schule. Nur dass ich anfing, zu zählen, wie oft ich noch in welchen Club würde gehen können. Dass mir irgendwann auffiel, dass ich nur noch zweimal Mathe haben würde (leichte Freude). Aber gleichzeitig natürlich auch nur noch zweimal Sport. Sport war eines der lustigsten Sachen in den letzten Wochen. Oder das Kochen. Wir fingen auch wieder an, in den Pausen Volleyball zu spielen, weil ich es wollte. Ich schrieb an meinen Abschiedsreden. Und neben den Listen für die Geschenke, die ich mit nach Hause nehmen wollte, kamen immer länger werdende Listen von Dingen, die ich noch machen musste und von Leuten, denen ich Briefen schreiben wollte. Am 27. Januar war ich zum letzten Mal im Teezeremonieclub, zwei Tage danach gab es in der Mittagspause noch mal eine Versammlung, in der ich Briefe und Fotos bekam und eine Rede hielt. Wir weinten. Am Morgen danach musste ich eine Rede vor der gesamten Schule halten. Ich hatte mir ewig Gedanken gemacht und war trotzdem nicht fertig geworden. Ich bekam einen Nervenzusammenbruch, nicht zum einzigen Mal, und meine Gastmutter versuchte, mich zu trösten. Aber die Rede wurde gut, glaube ich. Weil es regnete, wurde es über Lautsprecher in die Klassenzimmer übertragen. Als ich fertig war, rannte ich durch die menschenleeren Gänge die Treppe hoch und als ich in mein Klassenzimmer kam, wurde geklatscht.

Die letzten zwei Tage

Ich fuhr am 8. Februar. Zwar kommt man von Yokohama aus in knapp 2 Stunden zum Flughafen, aber da die Fahrt letztes Jahr so chaotisch war, mussten wir dieses Jahr mit allen anderen Austauschschüler in einem Hotel übernachten. Das hieß, dass ich mich am Samstag von allen verabschieden musste. Also beschloss ich, am Freitag nicht mehr in die Schule zu gehen. Und am Montag und Dienstag war schulfrei (ins Bürgeramt gehen, zu Freunden gehen, zu Nu-Leks Restaurant gehen, mich mit einer Freundin treffen). Also blieben nur zwei Tage Schule übrig. Ich glaube, es waren die vollsten und stressigsten Tage im ganzen Jahr. Ich war nur am Rennen, Reden, Fotos machen, Reden, Rennen............. Am Mittwoch im LHR gab es eine Abschiedsfeier für mich von meinem Jahrgang. Das Orchester spielte, der Chor sang für mich, Fotos wurden gezeigt und es gab Reden. Ich war wirklich überwältigt. Natürlich hatte auch ich über eine Rede nachgedacht, aber als ich sah, was sie alles für mich gemacht hatten, und hörte, wie herzlich alle über mich redeten, kam es mir vor, als ob meine Rede überhaupt nicht ausreichen würde. Ich aß zum letzten Mal mit meinen beiden Freundinnen zu Mittag, wobei ich nicht mal aß, weil ich so viel redete. Am Abend ging ich mit Geschenken voll beladen heim, vollkommen platt, aber irgendwie auch glücklich, auf irgendeine Art. Ich buk Kuchen für meine Klasse und schrieb ihnen Karten. In meiner Klasse waren immerhin 47 Leute und meinen Freunden schrieb ich längere Briefe. Das hatte zur Folge, dass ich Dienstag und Mittwoch kaum schlief. Am Donnerstag hatte ich noch weniger Zeit. Am Morgen hielt ich die letzte Rede, diesmal vor den Lehrern. Dann Unterricht, am Ende ein paar Minuten Abschiedsfeier in meiner Klasse, Abschiedsworte vor den anderen Klassen, Packen, zum Schulleiter gehen. Und wir weinten. Wir weinten so viel, aus Trauer und später auch noch aus Wut auf meine Lehrerin. Mit dem Schulleiter gab es Missverständnisse darüber, um wie viel Zeit unser Treffen war. Und dann entschieden Freunde aus dem Wanderclub mit Freunden aus dem Teezeremonieclub, dass ich nicht nur zum Wanderclub gehen würde, wie ich es vorhatte, sondern auch noch zum Teezeremonieclub. Dadurch hatte ich noch mehr Stress. Wieder ging ich vollbeladen und platt heim. Nur diesmal war da keine Freude darüber, wie viel Glück ich doch mit meiner Klasse gehabt hatte, sondern mir war nur noch zum Heulen zu Mute. Ich hasste es, dass meine Freunde so über meinen letzten Tag entschieden hatten, dass es Missverständnisse mit meiner Lehrerin gegeben hatte und ich mich nicht mal von ihr verabschiedet hatte, dass jeder tausend Fotos hatte schießen wollen, dass ich meine Hausschuhe vergessen hatte, dass es zu ende war. Und vor allem, dass es, obwohl ich meinen Freunden zigtausendmal Tschüss gesagt hatte, keinen richtigen Abschied gegeben hatte, weil ich am Ende rennen musste. Meiner Gastfamilie ist es zu verdanken, dass ich beschloss, am Freitag noch mal zum Club zu gehen. Ich hatte viele Zweifel, dachte mir, dass es komisch sei, gleich wieder in die Schule zu gehen, wo ich mich doch gerade von allen verabschiedet hatte. Aber es war eine gute Entscheidung. Noch mal meine Uniform anziehen, bei herrlichem Wetter zum Bahnhof und dann zur Schule laufen. Natürlich waren alle extrem überrascht. Aber es war schön. Keine Fotos und kein Weinen. Ich redete ein bisschen mit meiner Lehrerin und ging zum Wanderclub. Meine Senpai hatten oft gesagt, dass ich mir Spiele aussuchen dürfte und so, weil ich ja schon bald heimführe. Aber dann fand ich es wunderschön, einfach noch einmal mit meiner einen Freundin zusammen 8 Runden zu rennen, so wie ich es immerhin monatelang dreimal die Woche gemacht hatte. Wir trödelten so rum, dass wir als allerletzte die Schule verließen. Immer noch kam es mir unglaublich vor, dass das wirklich das letzte Mal sein sollte, aber ich war froh, noch einmal zur Schule gegangen zu sein. So dass wir uns mit einem Lachen verabschieden konnten.

Heimfahrt

Zuhause aßen wir Sushi, zur Feier des Tages, und dann half mir meine liebe Gastmutter bis nachts um 12 dabei, meinen Koffer zu packen. Am Flughafen erfuhr ich, dass er 22,6kg schwer war, bis zu 23kg sind erlaubt. Am Samstag brachte noch ein letztes Paket zur Post, dann aßen wir Tempura und vertrödelten die Zeit, bis wir zum Bus mussten. Und weinten mal wieder. Während alle im Bus schliefen, redeten Nu-Lek und ich wie Wasserfälle. Dann kamen wir ins Hotel, wo 190 Austauschschüler waren. Und wo viel zu viel Englisch und Deutsch geredet wurde. Ich wollte immer noch Japanisch reden. Wir redeten und ein paar packten und wir schliefen kaum. Um halb sechs dann aufstehen und zum Flughafen und einchecken und durch die Passkontrolle und dann stundenlang warten. Und mir ging Deutsch und viele der Deutschen so auf die Nerven! Ich fragte mich, wie ich es in Deutschland aushalte sollte, wenn alle Deutschen so wären wie sie.

Es war ein bisschen seltsam, als das Flugzeug abhob, ein bisschen traurig, aber nicht so richtig, irgendwie hatte ich ihn dem Tag, seit ich mich von meiner Gastfamilie verabschiedet hatte, schon ganz gut mit Japan abgeschlossen. Der Flug war ruhig, ich schlief viel und machte Fehler, in dem ich die falschen Stewardessen auf den falschen Sprachen ansprach. Wir landeten früher als nach Zeitplan, als auf den Monatoren stand, dass es noch mehrere Kilometer bis Frankfurt seien. 

Wieder da

Ich weiß nicht genau, wie es war, wieder zurück zu sein. Ich glaube, dass was mich am Meisten erstaunte war, dass fast alles noch genauso war, wie vor einem Jahr. Und wie unglaublich schnell ich mich wieder einlebte. Viele fragten mich, ob es mir schwer falle, mich wieder einzuleben, aber ich empfand es selbst nie als schwer. Schon ein oder zwei Tage nachdem ich wiedergekommen war, kam mir das Jahr in Japan vor wie ein Traum und das fand ich traurig. Das einzige, was mir bis jetzt schwer fällt, ist, dass ich mich automatisch auf Japanisch entschuldige, wenn ich zum Beispiel mit jemandem zusammenstoße. Oder auch in manchen anderen Situationen fällte es mir einfacher, den japanischen Ausdruck zu finden, als den Deutschen. Allerdings habe ich auch gemerkt, wie unglaublich schnell ich anfange, Japanisch zu vergessen, und noch keine richtige Gegenmaßnahme dagegen gefunden.

Ich bin auf jedenfall froh, mich für das Jahr in Japan entschieden zu haben, obwohl ich am Anfang große Zweifel hatte. Vor allem im Nachhinein denke ich, dass es gar keine richtig schweren Zeiten gab. Aber wenn ich genau darüber nachdenke, gab es natürlich Zeiten und Situationen, in denen ich mich alleine oder überfordert gefühlt habe. Ich fand es selbst manchmal überraschend, was ich alles alleine geschafft habe. Und auf der anderen Seite fand ich es auch überraschend und toll, zu erleben, wie viele Leute mir helfen und dass ich eben doch nie, selbst in der Anfangszeit, ganz alleine war. Natürlich gab es viele langweilige und nervige Dinge, aber die lustigen und schönen haben mit Abstand überwogen! Ich weiß noch nicht, mit wie vielen Freunden ich es schaffen werde, über einen längeren Zeitraum Kontakt zu halten, oder wen ich jemals wieder sehen werde. Aber nur indem ich mich an so viele schöne Tage, nette Leute oder lustige Begegnungen zurückerinnere, komme ich zu der Überzeugung, dass es sich gelohnt hat. Es war eine großartige Zeit!!!

Das hier soll jetzt nicht zwingend der letzte Eintrag dieses Blogs sein. Nächstes Wochenende ist zum Beispiel die erste Nachbereitung, und vielleicht ergibt sich ja dort, oder auch irgendwann sonst, etwas, von dem ich hier berichten will. Außerdem könnt ihr mir natürlich auch gerne weiterhin Fragen stellen, falls es etwas gibt, was ihr gerne noch wissen wollt. Auf jedenfall danke, dass ihr meinen Blog bis jetzt immer gelesen und kommentiert habt!!

Pauline

Freitag, 23.01.2015

#48 Das geht mir alles so was von auf die Nerven!

Wie uns unsere Pause geraubt wurde

Meine Schule ging mir heute so was von auf die Nerven!

Heute wurden drei Stunden vertauscht, so dass wir in der 1. Stunde Sport, der 6. das eine und in der 7. das andere Mathe hatten. Das Mathe, das heute in der 6. war, ist normalerweise in der 7. Das ist schon immer nervig genug. Aber dann ist wenigstens danach Schluss. Heute quälte ich mich durch die Stunde, in der ich nichts verstand, und musste danach noch eine Stunde Mathe mit S-Sensei machen, in der ich genauso wenig verstand. Und S-Sensei ist ja unsere Klassenlehrerin. Sie kam also auf die tolle Idee, dass man auf die Pause zwischen der 7. Stunde und dem kurzen Homeroom doch auch weglassen könnte. Und das sind immerhin 10 Minuten! 10 Minuten, in denen man seine Sachen einpacken könnte, in denen man aufs Klo gehen, mit Freunden reden oder das tolle Wetter genießen und Volleyball spielen könnte. Aber nein, wir sitzen also da, während sie mit ihrer irren Geschwindigkeit Formeln an die Tafel schreibt und mit ihrer schrecklich hohen Stimme die Erklärung dazu runterrattert, und die aus den anderen Klassen im Flur lachen und durchs Fenster zu uns reinstarren und grinsen. Es kommt oft vor, dass Lehrer überziehen. Manchmal zwei, drei Minuten, bei S-Sensei werden es manchmal auch 5 (wobei wir natürlich nur 10 Minuten Pause haben). Aber dann ist es halt so, dass der Lehrer die Zeit vergessen hat und man denkt sich was soll's, warte ich halt noch eine Stunde mit dem auf's Klo gehen und trinken und was man halt eigentlich alles so machen wollte. Aber dass sie von vornherein mit der Absicht kommt, die Pause durch zu machen, fand ich echt unverschämt. Und dann beschwert sie sich auch noch, dass wir alle während dem Homeroom zu laut seien, wir sollten gefälligst später spielen. Das lässt sich leicht sagen, aber wann soll später denn sein!? Denn auch wenn sie früher mit dem Homeroom angefangen hat, heißt dass natürlich nicht, dass sie pünktlich aufhören würde, nein, sie überzieht wieder 7 Minuten, wie immer. Und dann müssen ja alle ganz schnell aufräumen und zu ihren Clubs, weil sonst die Senpais schimpfen und nach dem Club müssen sie aus der Schule rennen, weil die um halb sechs schließt und nach der Schule ist es ja zufälligerweise verboten, irgendwas zu machen. 

Immer auf die Kleinen!

Aber das hat sie sich bestimmt alles nicht überlegt. Alle sind hier so. Alle achten nur darauf, dass die Schüler die Anforderungen erfüllen, die sie selbst an sie stellen. Jeder Lehrer sagt "lernt gefälligst mehr!" aber wie sollen die denn noch mehr lernen? Schließlich sagt es ja wie gesagt jeder Lehrer. Es gibt auch Tage, an denen wir nur von einem Unterricht zum nächsten hetzen, und jeder Lehrer überzieht, wahrscheinlich ohne überhaupt daran zu denken, dass uns der nächste Lehrer dann anmeckert, weil wir zu spät kommen. Aber das können wir ja nicht erklären. Und im Club geht es dann noch so weiter. Mich betrifft es ja nicht wirklich, aber mir tuen diese kleinen Siebtklässler echt leid, weil sie einfach alles abbekommen. Jeder meckert über sie und findet, dass sie 1.) nicht früh genug und 2.) nicht oft genug kommen, dass sie 3.) nicht laut genug grüßen, 4.) zu faul sind, 5.) zu unbegabt... Haben alle vergessen, wie es war, als sie die Kleinen waren? Verändert so ein System die Menschen? Oder bin ich einfach nur von Natur aus nicht dafür geeignet? Ich glaube, ich würde, sobald ich weit genug aufgestiegen wäre, all die fiesen Regelungen abschaffen, weil sie mir so leid tun. Aber nein. Im Teezeremonieclub gibt es 26 von den Siebtklässlern. Normal sind so um die 10-14 pro Jahrgang. Dadurch gibt es eine Menge Probleme und alle sind sehr unzufrieden mit den vielen Leuten. Vor den Weihnachtsferien sagte deshalb der eine Senpai, dass man aus einem Club auch austreten könne. Nach den Ferien traten deshalb tatsächlich 3 aus. Weshalb meine Freundin wieder unzufrieden war. Weil erst die Falsche austrat und sie bei den anderen beiden den Grund unzureichend fand. Aber was soll man den bitte als Grund sagen? Wenn man sagt, dass es einem einfach keinen Spaß macht, dann finden sie es bestimmt auch nicht toll. Wissen sie überhaupt, was sie als Grund hören wollen?

Marshmallows mit Pizza und Marshmallows ohne

Gestern kochte ich mit dem Jahrgang unter mir. Mit der Lehrerin, die mich vor einiger Zeit rausgeworfen hat. Naja, sie hat mich eigentlich nicht rausgeworfen, sie fand glaube ich wirklich nur, dass ich als Austauschschüler Spaß habe soll und nicht in einen Unterricht gehen, in dem es mir nicht gefällt. Weshalb sie mich zum Kochen wieder eingeladen hat. Es war auch wirklich lustig. Wir buken Pizza aus Gyouza-Teig (Gyouza sind kleine, ursprünglich chinesische Maultaschen und den Teig kann man fertig kaufen), was wirklich sehr einfach ist. Eine Gruppe schaffte es aber trotzdem, ihre Pizza anbrennen zu lassen (wobei sie uns wirklich nicht gesagt hat, wann die Pizza fertig ist, glaube ich). Da hat sie sich furchtbar aufgeregt. Die Klasse sei wirklich ein Mist. Den das Ganze diene ja dazu, zu üben, wie man lustig mit Kindern kochen kann. Und was wir machen würde, sei unglaublich gefährlich, die Kinder würden sich ja verbrennen, und die Kinder dürften auch keine verbrannte Pizza essen. Sie nannte auch alle "Mutter". Aber mein Gott, dass sind 15-jährige Mädchen und Japaner sind auch noch kindlicher als Deutsche. Die können von mir aus lernen, wie sie sich ernähren, wenn sie irgendwann Studenten werden und alleine wohnen, aber zu üben, wie sie mit ihren Kindern kochen sollen, ist schon etwas früh, finde ich. Okaasan meinte, normalerweise würden die Lehrer beim Kochen nicht wütend werden. Wahrscheinlich hat S-Sensei recht und diese Lehrerin ist einfach nur ziemlich altmodisch und streng. Jedenfalls hatten wir eigentlich eine Menge Spaß. Meine Gruppe buk nämlich zwei salzige Pizzen und dann noch eine süße mit Schokolade und einer unglaublichen Menge an Marshmallow drauf. Und das Mädchen, dass die Marshmallow mitbrachte nutzte die Gelegenheit um ungefähr viermal so viele mitzubringen, wie wir brauchten, so dass wir einfach nur zwei Stunden Marshmallows mit Schokosoße aßen.

Das Thema Nr. 1

Das Thema der letzten Tage waren natürlich die entführten Japaner. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll. Viele schockte es ziemlich. Nachrichten darüber, was in Nahost passiert, kommen hier ja nicht besonders viel im Fernsehen. Und selbst wenn schon viel über die Terroranschläge in Paris berichtet wurde, hatten alle das Gefühl, dass das doch sehr weit weg sei. Und auf einmal ist es nicht mehr weit weg. Das Gebet in der Schule war deshalb auch mal für die entführten Jounalisten, nicht dafür, dass wir von der Grippe verschont bleiben, wie sonst immer. Schöne Abwechslung. Aber ob den allen klar ist, dass davor auch schon mal andere Leute entführt wurden, weiß ich nicht genau. Die allgemeine Meinung ist jedenfalls, dass es einfach dumm ist, in so ein Land zu gehen, und dass die eigentlich selbst schuld sind. So ein bisschen von wegen "lasst uns doch einfach alle schön in unserem Land bleiben, wie früher auch, und die anderen Leute da draußen machen was sie wollen!"

Mal wieder Schule und Uni

Morgen hat meine Klasse Tests 80 Minuten Englisch, 80 Minuten Japanisch und 100 Minuten Mathe. Das ganze ist aber nicht von der Schule sondern von Benesse, einer Nachhilfe(?)firma. Alle Schüler in Japan müssen den Test machen. Abhängig von der Punktzahl werden ihnen dann Universitäten vorgeschlagen und sie können sehen, wie gut sie verglichen mit allen Schülern in Japan sind. Ich weiß nicht, ob oder wie viel sie dafür lernen. Ich weiß auch nicht, was es für ein Vorteil hat, eine gute Punktzahl zu erreichen. Und ich weiß vor allem nicht, wieso Benesse so viel Macht hat. Das ist eine Firma! Wieso hat eine Firma die Macht, die gesamten Jugentlichen zu Tests zu zwingen und sie dann in irgendwelche Tabellen einzuordnen? Ich habe gesehen, wie das aussieht. Die bekommen dann so richtige Hefte, in denen Statistiken über ihre Fähigkeiten stehen. Dann sieht man da, in xyz bin ich eine Niete. Irgendwie kommt mir das ganze seht seltsam vor. Am Ende werden diese Daten vielleicht auch noch irgendwo gespeichert..? Ach so, die japanische Universität dauert 4 Jahre, allerdings hat man danach nur den Bachelor. Das reicht aber, so dass nur wenige für weitere ein oder zwei Jahre zur Uni gehen, um ihren Master zu machen. Ob irgendwer danach noch länger bleibt, um einen Doktor zu machen, weiß ich nicht. Wenn man einen ganz normalen Uniabschluss nach vier Jahren macht, ist man automatisch dazu berechtigt, zu unterrichten, nur um Grundschul- oder Kindergartenlehrer zu werden, muss man noch extra Kurse machen. Aber um an Mittel- oder Oberschulen zu unterrichten, braucht man, so weit ich es verstanden habe, nicht auch nur eine Stunde lang was über Pädagogik zu lernen. Kein Wunder, dass sich an den Unterrichtsmethoden hier nichts verändert. Außerdem wird hier Chemie, Physik und Bio als Naturwissenschaft zusammengefasst, und wenn man in einem der drei einen Abschluss hat, darf man alle drei unterrichten! Man muss auch alle drei machen, selbst wenn man schon weiß, dass man zum Beispiel Bio studieren will, kann man Physik nicht abwählen. Die Schule ist hier nämlich ab der 11. Klasse zwischen Naturwissenschaftlichem- und Sprachlich-Gesellschaftlichem-Zweig unterteilt, dass heißt, man hat entweder keine Naturwissenschaften oder kein Geschichte und Politik, aber beides zusammen kann man nicht wählen.

Das war jetzt alles ziemlich negativ, tut mir leid. Ihr braucht jedenfalls keine Angst zu haben, dass ich noch länger hier bleibe, die Schule geht mir zu sehr auf die Nerven. Nur noch gut zwei Wochen... Ich weiß nicht was ich denken soll. Es ist jedenfalls komisch in den Kalender zu schauen, und zu sehen, wie voll diese zwei Wochen sind, und dass danach alles weiß ist. Ich weiß noch nicht mal, wann die Schulferien oder ähnliches ist.

Essen, das ich vermisse:

  • Brot (ganz besonders Kastenbrot mit Sonnenblumenkernen und frisches Bauernbrot, mit Avocado, Pesto und Tomaten oder Frischkäse und Gurken)
  • Schafskäse in allen Variationen
  • Lasange (wie wird das geschrieben?!)
  • Bandnudeln mit Linsen 
  • Nudeln, mit Ausnahme von Spagetthi mit Tomatensoße, und Spätzle
  • Pfannkuchen
  • Kartoffelgratin und selbstgemachten Kartoffelbrei
  • Gebäck vom Bäcker
  • Samosa
  • Schokolade!
  • Leckere Äpfel
  • Bohnensalat und Salatsoße mit Yogurt und Senf

Normalerweise vermisse ich das gar nicht so, nur wenn ich hungrig vom Bahnhof nach hause laufe, fällt mir eine Menge ein. Wobei mir auch oft japanisches Curry als erste Wahl einfällt. Japanisches Curry ist vollkommen anders als indisches und sehr lecker (indisches aber auch). Ich werde es vermissen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Und vor allem Reis! Und japanische Süßigkeiten und den vielen leckeren Tee. Ich habe übrigens noch gar nicht geschrieben, dass ich in den Weihnachtsferien Klöße, Rotkohl und Fleischkloppse gekocht habe. Den Rohkohl konnte ich zwar kaufen, aber natürlich musste ich den Kloßteig selbst aus Kartoffeln, Stärke und Mehl herstellen. Sie sind nicht auseinandergefallen, sahen auch gut aus, leider war der Stärkegeschmack aber etwas stärker als der Kartoffelgeschmack. Meiner Gastschwester hat es trotzdem gut geschmeckt. Und mir auch. Und mit viel Stärke drin wird man auch schneller satt als normal, wie mir scheint. Die Fleischkloppse habe ich gemacht, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen soll. Schließlich sind japanische Kücken nicht dafür eingerichtet, Braten herzustellen, ganz zu schweigen davon, dass ich eh keine Ahnung habe, wie das geht. Und man kann hier wahrscheinlich auch keinen Braten kaufen. Die Fleischkloppse waren auch recht einfach, ich war aber trotzdem stolz, ganz besonders auf die Soße, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Soße mit Mehl eingedickt, glaube ich. Ich habe in Deutschland immer nur Kuchen gebacken... So konnte ich also meiner Gastfamilie die Deutsche Küche ein bisschen näher bringen. Ich hatte ja eigentlich vor, ihnen auch grüne Soße zu kochen (Frankfurter Spezialität!) aber leider ist erstmal die eine Hälfte der Kräuter durch Überwässerung eingegangen, obwohl ich ständig sagte, dass sie nicht so viel Wasser brauchen, und dann die andere Hälfte dadurch, dass Obaasan sie unglücklicherweise in die pralle Sonne gepflanzt hat.

So viel erstmal zum Thema Essen und zu allem anderen auch. Jetzt ist es wenigstens ein bisschen fröhlicher geworden. Bitte entschuldigt möglicherweise vorhandene Rechtschreib- und Grammatikfehler, mein Deutsch ist sowieso nicht mehr das beste und es ist halb ein Uhr nachts.

Pauline

Mittwoch, 21.01.2015

#47 Japanisches Neujahr

Ein grauer Tag. Am Morgen schneite es noch, feine Flocken, die man fast nur sah, wenn sie auf unseren schwarzen Mänteln fielen und die schmolzen, sobald sie den Boden berührten, die aber ein prasselndes Geräusch auf den Blättern von Büschen und Bäumen verursachten. Ab Mittag dann Regen. Und laut Wetterbericht 6grad, wahrscheinlich der kälteste Tag bisher. Nach vier lief ich im Regen meinen Freunden hinterher zum Bahnhof. Sie redeten darüber, wie fertig sie sind. Wir alle schlafen im Unterricht ein. Darüber dass sie nichts verstehen. Selbst die, die bisher ohne Nachhilfeschule ausgekommen ist, hat jetzt beschlossen, doch zu gehen, einmal die Woche von 6 bis 9Uhr abends. Darüber, dass sie nicht wissen, wie sie alles schaffen sollen, dass ihre Zeit nicht reicht. Ich wünsche mir auch Zeit. Zeit um ganz normale Wochenenden mit meiner Gastfamilie verbringen zu können. Zeit um zum Aikido zu gehen. Zeit um mich mit Freunden zu treffen. Zeit um japanisches Essen zu genießen. Zeit um zu lesen, Tagebuch zu schreiben, spazieren zu gehen, mit Riki zu spielen. Zeit um zu schlafen. Ich bin wirklich so extrem müde. Ich schlafe um elf und kann mich in der Schule trotzdem nicht wachhalten. Aber ich hatte auch schon ewig keinen freien Tag. Mir wird oft gesagt, ich solle die restliche Zeit hier genießen, und das versuche ich, was zur Folge hat, dass ich selbst am Wochenende immer von morgens bis abends beschäftigt bin. Ich kann gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal ausgeschlafen habe. In den Sommerferien? Ich versuche, auch die Zeit alleine zu genießen. Auf dem Heimweg schaue ich mir alles genau an, den Weg, den ich jetzt schon so gut kenne. Wie oft ich wohl schon über die Brücke gelaufen bin? Da gibt es die Löcher im Zaun, durch die man winken kann. Die Palmen, immer noch ein Zeichen dafür, dass ich weit weg bin. All die vertrauten Hauseingänge, die Strommasten und Appartmenthäuser. Wenn ich irgendwann mal wieder nach Yokohama komme, an was werde ich mich dann noch erinnern können? Was wird überhaupt noch da sein? Schon jetzt weckt es ein wehmütiges Gefühl in mir, als wären es jetzt schon nich mehr als Erinnerungen.

Aber egal, wie schwer mir der Abschied hier fällt, ich freue mich inzwischen wirklich darauf, wieder nach hause zu kommen. Ich würde vielleicht nicht sagen, dass 11 Monate lang genug sind, eher, dass ich ja von vornherein wusste, wann das Ende sein würde, und so viel Zeit hatte, um mich daran zu gewöhnen. Und jetzt wird meine Freude mit jedem Tag größer. Ich freue mich auf meine Familie, darauf Freunde zu treffen, auf deutsches Essen, mein Haus, Frankfurt. Ich freue mich darauf, nicht mehr den Unterricht hier besuchen zu müssen, der mir gerade richtig zum Hals raus hängt. Ich freue mich auf Ironie und manche Verhaltensweisen, die es hier nicht gibt.

 Neujahr

Der erste Brauch zu Neujahr ist, dass man das Haus putzt. Ich hatte das Glück, nur für mein Zimmer verantwortlich zu sein, aber selbst damit bin ich leider nicht fertig geworden. Es hat einfach Ewigkeiten gebraucht, um all die Arbeitsblätter und so Zeug zu sortieren. Außerdem stellt man sich ins Haus einen Turm aus O-Mochi mit Manderine oben drauf. O-Mochi wird aus zerstampften Reis hergestellt, es ist lecker aber etwas schwer zu essen, weil es extrem zäh ist. Zu Neujahr ist man es in allen möglichen Variationen (gebraten mit Soyasauce und Nori, gebraten mit irgendwas, in einer Suppe) und angeblich sterben jedes Jahr eine Menge Leute, weil sie daran ersticken. Vor die Haustür stellt man sich Schmuck aus Bambus und Blättern. Am 31. bleibt man bis Mitternacht auf. Man isst meistens Soba, dass sind lange Nudeln aus Buchweizenmehl (glaub ich). Es ist nicht so ganz klar, aber wahrscheinlich entstand dieser Brauch, weil sie lang sind und so ein langes Leben verkörpern sollen. Ein anderer, noch wichtigerer, wenn auch nicht so traditioneller Bestandteil des 31. ist das Fernsehen. Es gibt mindestens zwei berühmte Sendungen, die eine ist eine Art Gesangswettbewerb, die andere ist eine Art Rollenspiel, in der ungefähr 5 Leute auftreten, die nicht lachen dürfen, und geschlagen werden, wenn sie es doch tuen. Beide dauern um die 6 Stunden und es ist klar, dass man fernsieht. Silvester ist hier zwar wichtig, aber ziemlich still. Nichts von wegen mit Freunden feiern oder Spiele spielen oder so. Um Mitternacht werden die Glocken an jedem Schrein 108 Mal geläutet und so bald sie wenigstens einen Schlag davon gehört haben, schlafen viele. In Yokohama gibt es zusätzlich noch den Brauch, dass die Schiffe im Hafen um 12 Uhr tuten. Feuerwerk gibt es jedenfalls nicht. An Neujahr isst man dann O-Sechi-Ryouri. Das ist ein art Riesen-Bento (Bento=Lunchbox), in der eine Menge Dinge sind, die man normalerweise nicht isst. Es gibt Sashimi (Rohen Fisch) und viele andere leckere und teure Dinge, aber auch traditionelle, die kaum jemandem schmecken. Früher aß man O-Sechi mindestens 3 Tage lang, weshalb es auch als Bento hergestellt wurde. Außerdem trinkt man ein bisschen japanischen Schnaps, auch Kinder (und er schmeckt überhaupt nicht gut!). Und Kinder bekommen von ihren Verwandten Geld geschenkt. Als wir es von Otoosan bekamen, knieten wir uns hin und verbeugten uns kniend und sagten richtig höflich "あけましておめでとうございます。今年もよろしくお願いします" Es war ein etwas seltsames Gefühl. Früher waren die Geschäfte nach Neujahr mindestens einen Tag geschlossen (deshalb auch das Bento-Essen), aber in den letzten Jahren hat selbst das nachgelassen, so dass jetzt alle großen Geschäfte selbst am 1. 1. ab morgens um zehn geöffnet sind. Das ist wichtig, denn ein weiterer wichtiger Bestandteil Neujahrs sind Fuku-Bukuro (Reichtums-Tüten). Das sind Tüten, die man praktisch überall kaufen kann, selbst beim Bäcker, und von denen man nicht weiß, was drin ist. Man kann also zum Beispiel Kleider im Wert von 20000 yen für 10000 yen kaufen. Wenn einem alles gefällt, hat man Glück, man kann aber natürlich auch ziemliches Pech haben. Inzwischen kann man sich aber angeblich sogar schon die Kleidergrößen aussuchen. Ich habe mir jedenfalls keine gekauft, ich war stattdessen mit Shiori, Okaasan undObaasan im Kino, was sehr untypisch für Neujahr ist. Wir haben den "Hobbit" gesehen, den Shiori und Okaasan gerne sehen wollten. Ich wurde praktisch mitgeschleppt und Obaasan kam mit, weil ihr im Haus so langweilig war, weil ja überhaupt nichts Schönes im Fernsehen kam. Japaner sind so extrem abhängig vom Fernsehen. Das ist eins der Dinge, die ich nicht vermissen werde. Am 2. Januar gingen wir zu einem Schrein, zur hatsumode, dem ersten Schreinbesuch im neuen Jahr. Da wir morgens gingen, was es noch "leer", aber auf dem Rückweg sahen wir, wie die Leute ewig anstanden. Dabei war es wirklich kalt, aber die meisten wollen halt gerne innerhalb der ersten zwei drei Tage gehen. Man betete und konnte eine Menge Glücksbringer kaufen und Orakel-Zettel ziehen. Ich habe das Allerbeste gezogen! Danach gab es ungefähr eine Woche Schulferien, aber Feiertage gibt es eigentlich nicht. Am 7. Januar oder so isst man Reisbrei. Reisbrei isst man normalerweise, wenn man krank ist, aber an diesem Tag macht man sieben bestimmte Kräuter rein und es soll dazu dienen, den Bauch zu heilen, nachdem man über Neujahr so viel gegessen hat. Irgendwann demnächst isst man dann noch mal Mochi in einer süßen Anko-Suppe, so weit ich weiß.

Unser Hausschrein mit (fake) Mochiberg Schmuck wie man ihn vor Haustüren findet Bei der hatsumode Glücksbringer Ein Riesenglücksbringer für über 200 euro

Pauline

Freitag, 16.01.2015

#46 Das Ende rückt näher...

Frohes neues Jahr! 明けましておめでとう!

Ich lasse ein bisschen nach, was die Häufigkeit meiner Blogeinträge angeht, wie mir scheint. Eigentlich glaube ich, lasse ich bei fast allem nach, ich schreibe nicht mehr so viel Tagebuch, ich mache meine Hausaufgaben nur noch manchmal und höre auch im Unterricht nicht zu. Ich bin irgendwie ziemlich müde, und am Dienstag dachte ich mir, dass ich gerne Ferien hätte, nur um zu merken, dass es erst der dritte Schultag war. Ich hatte ziemlich schöne Ferien, aber auch ziemlich anstrengende und vollgestopfte. Ich bin praktisch so viel es ging mit Freunden weggewesen*, und an den wenigen freien Tagen war ich auch immer beschäftigt. So kam es, dass ich während der zwei (?) Wochen nur ungefähr fünf Seiten gelesen habe, obwohl ich vor den Ferien in zwei Wochen ungefähr hundert Seiten gelesen hatte. Ich habe das "doppelte Lottchen" auf Japanisch gelesen, und jetzt lese ich einen japanischen Roman für Kinder. Die meiste Zeit war ich übrigens mit aufräumen beschäftigt. Mein Zimmer ist so extrem chaotisch, ich gebe es zu. Ich habe auch endlich Pakete heimgeschickt, und ich muss noch mehr heimschicken, es ist immer noch viel zu viel! Dabei habe ich mir echt nichts gekauft! Ich verstehe nicht, warum ich so viel Zeug habe... In meinem Zimmer türmt sich auch Papier, Arbeitsblätter aus der Schule. Ich habe das Meiste weggeworfen, aber irgendwie fällt es mir schwer. Ich meine, in Deutschland habe ich nicht wirklich Verwendung dafür, aber irgendwie sind es halt doch Erinnerungsstücke. Jedenfalls ja, das Ende rückt jetzt immer näher. Ich kann mir nicht vorstellen, in vier Wochen wieder in Deutschland zu sein. Noch ein paar Tage, und es sind nur noch drei Wochen, das heißt so lang wie Weihnachtsferien (in Hessen). Selbst wenn ich das jedem sage, selbst wenn ich über Gepäck nachdenke und versuche, genau zu planen, was ich in dieser Zeit noch machen will/muss/kann, verstehe ich eigentlich nicht, was das bedeutet. Genau wie ich vor einem Jahr auch nicht verstand, was es bedeuten würde, für ein Jahr weg zu sein. Nur dass ich vor einem Jahr wusste, dass ich wieder zurückkehren würde. Ich weiß, dass schreibt wahrscheinlich jeder Austauschschüler gegen Ende mal, aber diesmal weiß ich eben nicht, ob ich wieder zurückkommen werde. Natürlich, irgendwann werde ich noch mal nach Japan fahren. Irgendwann werden mich Freunde in Deutschland besuchen. Irgendwann werde ich meine Gastfamilie, meine Freunde, vielleicht auch meine Lehrerin wieder treffen, ich werde wieder japanisches Essen essen und all die Wege, Läden und Orte wieder besuchen. Aber ich werde nie wieder Schülerin an der Yokofuta sein und ich werde nie mehr in meinen jetzigen Alltag zurückkehren. Was meinen Alltag ausmacht, sind ja nicht nur meine Gastfamilie und meine Freunden, sondern auch die Tennisclubmitglieder, denen ich morgens zuwinke, das Orchester, dessem Klang ich lausche, während ich die Treppe hochsteige, die Theaterclubleute, die im Flur üben, die Mädchen aus dem Volleyballclub, mit denen ich Volleyball spiele, und all die, die mir zu lächeln, mich grüßen, mit denen ich ein paar Worte wechsel, von denen ich aber im Allgemeinen nicht einmal den Namen weiß. Aber sie sind halt da, ich erkenne ihre Gesichter und es macht mich glücklich, wenn sie mich anlächeln und mit mir reden. Und all diese Leute, werde ich bestimmt nicht mehr treffen. Ich dachte ja, ich hätte immer recht negativ über meine Schule gesprochen, auch bei unseren AFS-Orientations. Deshalb hat es mich etwas erstaunt, als mir die LP von irgendwem schrieb, meine Schule habe ja gut zu mir gepasst. Laut meinem Gastvater ist das japanisches Verhalten, dass man positiv über eine Sache spricht, obwohl man weiß, dass es anders ist. Auch meine Gastmutter sagte aber, ich habe Glück mit meiner Schule gehabt. Und ich glaube, sie hat recht damit. Ich bin schon recht schüchtern. Jetzt vielleicht nicht mehr so stark wie früher, aber ich erinnere mich an die Willkommensparty, die es für uns gab, und damals war ich wirklich noch sehr schüchtern. Wenn ich mich allerdings an den Schulanfang zurückerinnere, habe ich das Gefühl, mich von Anfang an Wohl gefühlt zu haben. Dabei konnte ich ja kaum Japanisch reden, weshalb es etwas seltsam scheint. Aber das ist vielleicht der Verdienst meiner Schule. Mädchenschulen sind anders als andere Schulen. Zwar finden es wahrscheinlich alle Schülerinnen von Mädchenschulen irgendwann mal blöd, auf einer Mädchenschule zu sein, aber eigentlich ist die Stimmung sehr schön. Fröhlicher, offener, verrückter. Austauschschüler auf gemischten Schulen erzählen öfters, dass kaum jemand mit ihnen redet oder so. Meine Schule ist vielleicht nicht so verrückt wie andere Mädchenschulen, ein bisschen ernster, aber ich musste mich nie anstrengen, um nicht alleine zu sein. Es sind immer alle auf mich zu gegangen, selbst nach Wochen hat ihr Interesse an mir nur so weit nachgelassen, dass es mir nicht mehr auf die Nerven ging, ich musste am Anfang, als ich noch nicht reden konnte, nur lächeln, und habe so viele Freunde gefunden.

Letzte Woche war übrigens schon die letzte Orientation. Wir haben von Samstag auf Sonntag übernachtet und es war sooo lustig! Am Samstag hatten wir eine normale Orientation mit viel Reden, so wie immer. Am Abend waren wir fünf Austauschschüler und vielleicht 15 Studentvolontäre. Ich mag sie inzwischen alle so gerne! Leider musste ich aber den Großteil der Zeit damit verbringen einen Brief an meine Gastfamilie zu schreiben. Den las ich am Sonntag vor, als es erst die Verabschiedung der Japaner gab, die im Februar ihr Austauschjahr anfangen, und dann die Verabschiedung von uns. Das war sehr traurig. Ich dachte, ich würde garantiert in Tränen ausbrechen, ich brach ja schon beim Üben fast in Tränen aus, genau wie die Volonärin, die mir half. Aber beim Vorlesen war es dann okay, ich hatte allerdings davor schon geweint, als wir Geschenke von den Volontären bekamen. Jeder dachte aber, dass ich weinen würde, weil ich nicht mit Mikrofon sprechen kann...

Ich beantworte bald mal die Fragen nach Neujahr und alles mögliche, will auch irgendwann noch mal Fotos von Kyoto einstellen, aber das mache ich nicht jetzt... Nur eine Frage an Vanessa: Ist das "ne" am Satzende irgendein Deutscher Dialekt, oder lernst du jetzt doch schon Japanisch? Ich wünsche dir viel Spaß bei der Länderspezifischen-VB, bei mir war sie superlustig!

Heute waren in der Schule 19 Koreaner, denn meine Schule macht jedes Jahr einen Kurzaustausch mit einer Schwesterschule in Korea (und auch mit Schwesterschulen in anderen Ländern). Ich halte es für eine gute Sache, das Verhältnis zwischen Japan und Korea auf diese Weise vielleicht ein bisschen zu verbessern. Zwei der Mädchen waren auch in meiner Klasse. Das veranlasste viele in meinem Jahrgang zu der Bemerkung, dass unsere Klasse ja jetzt so unglaublich international sei. Was soll ich dazu sagen..? Ich wurde auch gefragt, ob ich schon mal mit Koreanern geredet habe. Das bin ich mir tatsächlich nicht sicher, aber ich habe auch noch nie darüber nachgedacht. Hier denke das aber viele bewusst: "das erste Mal, dass ich mit einem Koreaner rede", "das erste Mal, dass ich einen Paraguayaner treffe"...  

Pauline

*Ich finde, man sollte im Deutschen das Wort asobieren einführen. Das bedeutet spielen, freihaben, spaßhaben... Wenn man sich also mit Freunden trifft, sagt man, dass man mit ihnen asondiert (Ich habe das Wort selbst an die deutsche Grammatik angepasst, eigentlich heißt es asobu oder asonde iru). Ich finde, es ist ein sehr praktisches Wort und schwer zu übersetzen.

Mittwoch, 24.12.2014

#45 Weihnachten! (Lichterketten, Hühnerbeine und Erdbeerkuchen)

Frohe Weihnachten an euch, die ihr bestimmt alle gerade mitten in den Vorbereitungen für Heiligabend steckt.

Weihnachten am 23.

Bei mir ist Weihnachten schon rum. Wir haben es gestern gefeiert. Jetzt braucht aber niemand zu denken, dass Weihnachten in Japan am 23. ist, oder das die Zeitverschiebung damit zusammenhängt. Nein, Weihnachten ist auch hier am 25. und Heiligabend am 24. und somit heute. Aber meine Gastfamilie hat beschlossen, die Feier einen Tag vorzuverlegen. Weil der 24. hier ein gewöhnlicher Tag ist (nur Schüler von christlichen Schulen habe frei), was bedeutet, dass Otoosan arbeitet. Und weil Shiori eine Weihnachtsfeier mir ihrer Klasse oder Club oder so hat und deshalb nicht da ist. 

Wir haben also den Feiertag gestern (der Geburtstag des Tenno, des japanischen Kaisers) dazu genutzt, erstmal alle Geschenke kaufen zu gehen, was einen halben Tag in einem riesen Einkaufszentrum bedeutete. Erstmal eine CD für mich und dann Kleider für Shiori und später dann außerdem noch Essen. Als wir wieder zuhause waren, bereitete Okaasan dann das Essen zu und wir aßen, wärend wir Weihnachtslieder hörten. Wenn es um Weihnachten geht, merkt man mal wieder, dass Japan stärker von Amerika als von Europa geprägt ist. Die Lieder waren alles irgendwelche englischen Lieder, die ich nicht kenne, wenn man davon absieht, dass ich sie in den letzten Wochen recht häufig gehört habe, und das Essen waren Hühnerbeine (aus dem amerikanischen Truthähnen wurden hier irgendwie Hühnerbeine, in den Augen vieler Japaner das Weihnachtsessen) und Salat und Pizza. Und, für alle, die gehört haben, dass man in Japan zu Weihnachten Erdbeerkuchen isst, das stimmt tatsächlich. Es gibt vielleicht noch die Variante Schokotorte, aber das war's dann auch schon. Dann packten wir Geschenke aus, und ich war die, die am meisten bekam. Yuutarou zum Beispiel bekam so gut wie nichts.

Japanische Weihnachten

Naja, Weihnachten hat hier keine so große Bedeutung. Warum sollte es auch. Die größte Bedeutung hat es wahrscheinlich für Paare, denn es ist so etwas wie ein kleiner Valentinstag (und Valentinstag ist hier sehr viel wichtiger als in Deutschland). Es heißt, dass es an allen schönen Orten von Pärchen wimmelt, aber ich mache mir nicht die Mühe, das zu überprüfen. Meine Freunde haben darauf auch keine Lust und bleiben lieber zuhause. Das allerwichigste an Weihnachten ist wahrscheinlich die Weihnachtsbeleuchtung, die es hier in vielen Parks und auf großen Straßen gibt. Die ist teilweise schön und teilweise irre und nicht so richig weihnachtlich, finde ich, aber was soll's. (Ihr könnt es euch ja anschauen: Japanische Weihnachtsbeleuchtung) Auch das Fernsehen berichtet ständig darüber. Weihnachtsbeleuchtung und so fängt jedenfalls fast so bald an, wie Halloween vorbei ist, dauert aber nur bis morgen. Dann wird alles schnell abgebaut und für Neujahr dekoriert. Neujahr ist eigentlich auch viel wichtiger als Weihnachten.

Weihnachten in der Schule

In der Schule hatten wir am Montag mal wieder Großputz, wie immer vor den Ferien, und diesmal war ich glücklicherweise auch nicht für die Toiletten eingeteilt, und dann Weihnachtsspiel vom Theaterclub, mit musikalischer Unterstützung von Musik- und Chor- und Orchesterclub, was ganz schön war, und danach Messe, die auch interessanter als sonst war, fand ich. Zum Schluss hatten wir dann noch in der Klasse eine Art Weihnachtsfeier, wo wir sogar einen Muffin und eine Waffel von der Schule bekamen und Spiele spielten und so. Jedenfalls spielt man normalerweise Spiele. Aber netterweise kam S-Sensei auf die Idee, dass ich einen Vortrag über Deutsches Weihnachten halten solle. Und zwar vor allen vier Klassen meines Jahrgangs. Aber nicht zusammen sondern vor jeden einzeln. Und ich hatte überhaupt keine Lust darauf. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, über Weihnachten zu reden, ganz und gar nicht, ich rede seit Wochen mit jedem darüber, aber ich hatte keinen Lust, mir einen Vortrag auszudenken. Und außerdem wurde es zu lang, wenn ich versuchte es ein bisschen genauer zu erklären, aber wenn ich es nur ganz oberflächlich erkläre, kann ich es auch gleich lassen, denke ich. Und das dauerte also eine halbe Ewigkeit, weil ich es ja vier Mal machen musste, und dann mussten auch noch ein paar bedauerliche Auserwählte aus meiner Klasse eine Präsentation über japanisches Weihnachten halten, aber ehrlich gesagt erfuhr ich wirklich nichts, was ich nicht schon wusste. Was soll man denn auch über Weihnachten erzählen, wenn es keine Weihnachtstraditionen gibt? Auf jedenfall hatte ich so so gut wie nichts von der Feier, weil ich ja drei viertel mit Präsentationen verbrachte, und alle anderen taten mir etwas leid. Sie haben sich wirklich darauf gefreut, Spiele zu spielen und so, und wegen mir hatten sie dann erst dazu keine Zeit und konnten dann auch noch viel später nach hause als geplant. Und S-Sensei redete auch noch während ich die Präsentation hielt. Sie kann von mir aus gerne selbst über Weihnachten in der internationalen Schule halten oder darüber wie wir ihrer Meinung nach Weihnachten verbringen sollen, aber dass sich darüber einmischt, wie Weihnachten in Deutschland ist, wovon sie auch keine Ahnung hat, fand ich nicht so lustig. Außerdem brachte ich meine Klasse noch dazu, mit mir "Herbei o ihr Gläub'gen" zu singen, nachdem ich ihnen die Aussprache in Katakana dazu geschrieben hatte. Das Lied kennen nämlich irgendwie sehr viele. Was außerdem alle kennen ist "Stille Nacht", aber auf Englisch. Und "Tochter Zion".

Heute habe ich dann Vanillekipferl gebacken, was ich schon länger vorhatte. Leider gibt es in Japan keinen Vanillezucker und außerdem habe ich mich ein bisschen in der Menge von Mehl und Mandeln geirrt, so dass sie jetzt ziemlich nach Mehl schmecken, finde ich, aber Okaasan und Yuutarou haben sie trotzdem sehr gelobt. Dann habe ich heute noch Neujahrskarten geschrieben und mir endlich einen Mantel gekauft und Ferngesehen. Man könnte denken, dass ich traurig bin, so ohne Weihnachten, aber das stimmt gar nicht. Vor ein paar Wochen ging es mir etwas seltsam, so ganz ohne Vorweihnachtsstimmung, aber heute ist einfach nur wie ein ganz gewöhnlicher Sonntag (auch wenn natürlich Mittwoch ist). In den nächsten Tagen werde ich dann viel mit Freunden machen, weil wir jetzt Ferien haben, bis zum siebten oder achten Januar.

Ich hoffe jedenfalls, dass ihr alle ein schönes Fest habt!

Pauline

Donnerstag, 11.12.2014

#44 "Romeo und Julia", Fußball und Atemmasken; ein normaler Tag

Hallo!

Seit heute machen wir donnerstags im Sportunterricht Fußball. Ich habe mich seit mehreren Wochen darauf gefreut, obwohl das Bodenturnen, dass wir bisher gemacht haben, auch großen Spaß gemacht hat. Es war schon schön mal wieder Fußball zu spielen, wobei man allerdings nicht wirklich von Spielen reden kann, weil wir nur irgendwelche Übungen machen mussten, die abwechselnd für mich sehr einfach waren, oder bei denen ich den Bezug zu Fußball nicht verstand, es waren unserer Meinung die gleichen wie beim Basketball. Aber naja, ich hoffe darauf, dass es noch etwas spannender wird.

Romeo und Julia

Jetzt , wo die Tests rum sind, schauen wir in vielen Fächern Filme (genau gesagt nur in Englisch und Gesundheit, aber die waren beide heute). In Englisch schauten wir "Romeo und Julia". Dazu muss man leider sagen, dass wir nach den Tests im September auch schon "Romeo und Julia" gesehen haben. Und irgendwer kam auf die tolle Idee, unserem Lehrer zu sagen, dass er den Film mit Leonardo DiCaprio sehen wolle. Also durften wir uns den heute anschauen. Leider ist aber erstens ist der Film viel zu lang für 45 Minuten, so dass ständig vorgespult wird, was zur Folge hat, dass man wahrscheinlich kaum was versteht, wenn man nicht die Geschichte ziemlich gut kennt und das alte Englisch versteht, was auf die wenigsten meiner Klassenkameraden zu trifft. Und zweitens will unsere Lehrer nicht, dass wir sehen, wie sich jemand küsst, wo "Romeo und Julia" natürlich die allerbeste Wahl ist. Also werden alle Kussszenen auch noch vorgespult, wobei alle rufen und buhen, und von der Geschichte bleibt nicht mehr so richtig viel übrig. Letztes Mal haben noch welche geweint, weil sie das Ende so traurig finden, aber ich fand das ganze so albern, dass ich ununterbrochen gelacht habe. In Gesundheit sahen wir über einen richtig gruseligen Film über eine -ausgedachte aber Ebola nicht ganz unähnliche- Krankheit, die sich leider in den USA ausbreiten. Es war echt gruselig! Netterweise hat die Lehrerin aber aufs Vorspulen verzichtet und wir dürfen ihn nächste Woche zu ende schauen.

Das Wetter...

Heute habe ich zum ersten Mal eine Atemmaske benutzt. Weil ich seit ein paar Tagen Husten habe und mir mehrmals gesagt wurde, dass es besser sei, Masken zu benutzen, um andere nicht anzustecken und sich selbst vor der Grippen zu schützen, die hier gerade umgeht, und weil es einfach ein schönes Gefühl sei. Es ist irgendwie sehr seltsam, mit so einer Maske rumzulaufen, wobei es eigentlich niemanden stört, weil ja eh die Hälfte der Leute sie tragen. Außerdem muss man sagen, dass es zwar nervig ist, weil die Brille beschlägt und die Maske ständig in die Augen kommt, aber es ist wirklich warm und wahrscheinlich gegen den Husten tatsächlich gut, weil hier ist die Luft nämlich extrem trocken.

Vor zwei Wochen oder so wurde es mal recht kalt, aber heute waren es wieder 15 Grad. Ich habe es bisher noch ohne Mantel, nur mit Blazer, und auch ohne Strumpfhose ausgehalten. Nur Schal und Handschuhe benutze ich und manchmal Skiunterwäsche. Das machen alle hier so. Es ist aber ungewöhnlich warm, selbst für Japan. Trotzdem fühle ich mich oft kurz vor dem Erfrieren. Im Sommer sind die ganze Zeit die Fenster zu und die Klimaanlage an, aber im Winter will S-Sensei, dass wir die Fenster aufmachen, damit frische Luft reinkommt und sich so Viren nicht so leicht ausbreiten. Außerdem sind die Häuser kaum isoliert. Und selbst wenn die Klassenzimmer nach einer Weile ein bisschen warm werden, hat der Flur praktisch Außentemperatur, so dass ich manmal vor Kälte zitternd in der Bibliothek ankam, dabei ist der Weg von meinem Klassenzimmer dort hin nur zwei Minuten lang. Im Unterricht tragen wir eben Blazer und legen uns Decken und Schals auf die Beine, so lässt es sich einigermaßen aushalten.

Die Bäume, die den Weg am Tennisplatz säumen, sind alles Kirschbäume. Ein einzelner Baum heißt Oktoberkirsche und blüht seit zwei Monaten. In Verbindung mit dem roten Blättern der anderen Bäume sieht das sehr schön aus.

Pauline

P.S. Das neue Kopfbild ist ein Foto von sehr süßen Statuen im Hasedera Temel in Kamakura. Möglicherweise seht ihr aber auch noch das alte..? Irgendwie spinnt das Program hier.

Dienstag, 09.12.2014

#43 Japanisch

Hallo! やっほ~!

Heute geht es noch mal um meinen Japanischtest und Japanisch im Allgemeinen.

JLPT

Der Test heißt JLPT (Japanese Language Proficiency Test) oder Nihongo-Nou-Ryoku-Shiken. Er findet zwei Mal im Jahr, im Juli und Dezember, am gleichen Tag auf der ganzen Welt statt und ist seeehr offiziell. Wir bekamen Test Voucher und vor jedem der drei Tests, die alle mit kurzer Pause im selben Raum stattfanden, musste überprüft werden, ob die Nummer auf dem Voucher mit der auf Tisch, Aufgabenheft und Antwortzettel und die im Raum Sitzenden mit denen auf den Fotos übereinstimmten, dann wurde stundenlang erklärt, was erlaubt ist und was nicht und so, und die tausend Menschen im Raum saßen schweigend 15 Minuten da, wärend ihnen das zum dritten Mal erklärt wurde. Die Testzeit wurde dadurch aber erfreulich kurz. Es war außerdem irre, weil einfach der ganze Bahnhof und die ganzen Restaurants und alles in der Umgebung mit Ausländern voll war. Die Tests waren also Schriftzeichen und Vokabular, das heißt entweder die Lesung zu einem Kanji (chinesischem Schriftzeichen) aussuchen oder die das Kanji zu einer Lesung oder das am besten in einen Satz passende Wort. Danach Grammatik und Lesen und danach Hörverständnis. Das Hören war am einfachsten, wie von vornherein klar, aber auch Grammatik und Lesen fand ich erstaunlich einfach. Aber diese blöden Schriftzeichen waren mir leider größtenteils unbekannt, und wenn der Test zu schlecht ist, kann ich ihn auch nicht mit den anderen ausgleichen. Aber ich denke, dass es schon noch okay ist.

Schriftzeichen

Die Schriftzeichen sind schon eines der größten Probleme beim Japanischen. Es gibt die Silbenschriften und die Kanji, von denen Schüler mehrere tausend lernen und man ein paar hundert bis tausend braucht, um eine Zeitung lesen zu können. Leider haben sie aber im Gegensatz zum Chinesischen nicht nur eine Lesung, sondern häufig bis zu vier oder fünf, die sich dann aber in speziellen Fällen wieder ändern. Dadurch gibt es einen riesigen Unterschied zwischen gesprochenem Japanisch und geschriebenem: Es gibt viele Wörter, deren Bedeutung man zwar aufgrund der Kanji versteht, von dem aber keine normaler Mensch weiß, wie man sie ausspricht. Auch ich überspringe beim Lesen alle Kanjiwörter, deren Bedeutung ich ungefähr verstehe, so dass ich auch nach 25 Mangabänden über Musikstudenten immer noch nicht sicher weiß, wie man "Dirigent" jetzt eigentlich ausspricht (ich glaube "shiki-sha" 指揮者).

Männersprache und Frauensprache und sechs Arten ich zu sagen

Es wurde vor einiger Zeit mal gefragt, ob das Japanisch in Manga schwer sei. Ich denke, das hängt sehr vom Manga ab. Erstmal gibt es Manga, bei denen die Aussprache der Kanji daneben steht, und welche, bei denen sie nicht dabei steht, und das sprachliche Nivau hängt sehr davon ab, ob der Manga für Kinder oder Erwachsene ist. Dann kommt es natürlich auch darauf an, wie sehr man Manga lesen will. Ich habe am Anfang versucht, Naruto zu lesen, aber es trotz der Aussprache, die dabei steht, schnell wieder aufgegeben. In letzter Zeit konnte ich es dann lesen, aber jetzt ist es zuende. Aber nicht nur die Kanji sind möglicherweise ein Problem, am Anfang fand ich Manga auch deshalb schwer, weil sie ganz andere Wörter und Ausdrucksweisen benutzen, als ich in meinem Alltag. Denn es gibt im Japanischen nicht nur einen großen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, sondern dann auch noch mal viele verschiedene sprachliche Ebenen. Es gibt Unterschiede zwischen der Art, wie Männer sprechen und der Art wie Frauen sprechen und es gibt eine ganze Menge höflicher bzw. umgangssprachlicher Ausdrücke je nachdem, mit wem man spricht. Also fand ich es sehr interessant, den oben erwähnten Manga über Studenten zu lesen, weil diese einfach eine komplett andere Ausdrucksweise benutzen, als in meinem Alltag vorkommt. Und es ist ja dann auch nicht so, dass der ganze Manga in der gleichen Art geschrieben ist, sondern natürlich ändert die Hauptrolle ihre Sprechweise je nachdem, ob er mit Freunden, seiner Freundin oder Lehrern spricht. Es gibt, nur als Beispiel, eine Menge Wörter, die "ich" bedeuten: Watashi (normal), Watakushi (sehr sehr höflich), Boku (Männersprache), Atashi (niedlich), Uchi (vor allem von Frauen benutzt), Ore (noch stärkere Männersprache). Genauso natürlich auch eine Menge Arten für "du". In Manga wird dann die Sprechweise (also ob es höflich oder umgangssprachlich, cool oder kindlich etc. ist) noch dadurch verdeutlicht, ob wie die Wörter geschrieben werden. Das heißt ob in Kanji oder Hiragana (Silbenschrift) oder Katakana (Silbenschrift für ausländische Wörter) oder manchmal sogar in Alphabet. Und am Anfang habe ich einfach überhaupt nicht verstanden, was das jetzt heißen soll, wenn ein Wort, oder auch nur ein halbes Wort, auf einmal in Katakana geschrieben wird, weil man es normalerweise einfach nicht macht. Aber wenn man es dann mal kapiert hat, macht das irgendwie total viel aus und ich habe angefangen mich zu fragen, wie man das eigentlich ins Deutsch oder in irgendeine andere Sprache übersetzen soll. Man kann diese Dinge nicht übersetzen, glaube ich.

Von der Unmöglichkeit, Japanisch zu übersetzten

Es gibt noch andere Dinge, die man schlecht übersetzen kann, finde ich. Zum Beispiel gibt es im Japanischen extrem wenige Adjektive. Man benutzt eigentlich immer die gleichen. Aber es ist viel Leichter, eine Stimmung auszudrücken. Wenn man sagen will, dass es heiß ist, sagt man einfach "atsui", wenn man müde ist "nemui", wenn man sich ärgert "yabai" oder "iya da". Es ist irgendwie sehr einfach. Viel wird auch durch die Stimme oder Endpartikel erklärt. Die Endpartikel sind Silben, die man hinten an den Satz dran hängt, und mit denen man die ganze Stimmung oder sogar Bedeutung verändern kann:

  • "ii" = "gut".
  • "ii ne" = zustimmend: "reffen wir uns in den Ferien mal?" "ii ne" (Au ja!)
  • "ii na" = etwas neidisch: "ich fahre bald nach Oosaka!" "ii na" (ich würde auch gerne fahren)
  • "ii yo" = schon in Ordnung

Außerdem kann man die Adjektive auch gleich ändern; aus "sugoi" (cool, toll) wird "suge" oder "sugoooi", je nachdem wer es sagt. So was kann man nicht übersetzen. Aber wenn man es verstanden hat, macht es Spaß.

Ein großes Problem, neben den Schriftzeichen, sind die verschiedenen Spracheben, die man benutzen muss, wenn man mit Höhergestellten spricht. Man benutzt andere Verben oder andere Formen der Verben und laut Japanern können selbst Japaner die nicht perfekt. Was außerdem in der Realität (zumindest in der Realität von Schülern) anders ist als in Lehrbüchern, ist, dass in einem Gespräch nicht beide die gleiche Ebene benutzten. In Lehrbüchern sprechen immer alle gleich höflich miteinander. Aber in echt sprechen die Lehrer oft ziemlich umgangssprachlich mit uns, während von den Schülern aber natürlich erwartet wird, dass sie höflich sprechen. Genauso, wenn man Leute trifft, die älter als man ist, oder mit den Senpai redet. Und es ist irgendwie viel schwerer als mit dem Siezen im Deutschen. Ganz zu schweigen davon, dass wir Austauschschüler öfters mal Probleme damit haben, Angestellte in Restaurants oder so zu verstehen, weil die einfach viel zu höflich sind.

Fernsehen

Ach so, ich fand es eigentlich recht nervig, für den Test zu lernen und dachte mir auch immer wieder, dass ich für den Alltag lernen will und nicht irgendwelchen Mist der im Test drankommt. Aber manchmal hat es mir tatsächlich geholfen, irgendwas im Alltag, zum Beispiel Fernsehen, besser zu verstehen. 

Gestern habe ich beschlossen, dass ich jetzt wirklich Japanisch kann. Ich habe nämlich den ganzen Abend Fernsehen geschaut, eine Sendung über Politik und über Dinge in Japan, die von der Welt kritisch gesehen werden, wie Japans Staatsschulden oder die Stellung der Frauen hier oder die Todesstrafe. Ich fand die Dinge weniger überraschend, die Leute im Studio dafür umso mehr. Es war aber eine richtig interessante und gute Sendung, fand ich. Und ich dachte mir, wenn es mir jetzt schon Spaß macht, Sendungen über Politik anzuschauen, dann ist mein Japanisch schon ziemlich gut. Ich habe in letzter Zeit deutlich weniger Fernsehen geschaut als im Sommer, aber als ich noch schaute, also so im Oktober, nervte mich die Häufigkeit von Sendungen, die einen schönen Schein auf Japan werfen, ganz besonders die, in denen man Touristen in Kyoto sieht. Um so schöner fand ich es, als auch meine Gastfamilie sagte, dass diese Art von Sendungen, in denen am Ende vor allem hängenbleibt, dass irgendein Japaner irgendwas tolles gemacht hat, oder so in der Art, wirklich viel zu oft kommen. Ach so, noch was von wegen Japanisch, ich finde es schon vollkommen unvorstellbar, mit meiner Gastfamilie Englisch zu sprechen.

じゃね!

Montag, 08.12.2014

#42 Nach langer Zeit - Von Putzlappen und Toleranz

Hallo,

tut mir leid, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen.

Meine Zeit hier neigt sich so langsam dem Ende zu. Ich weiß, es sind noch zwei Monate. Aber zwei Monate sind nicht viel. An manchen Tagen verpasst mir diese Erkenntnis einen Schock. Aber es gibt auch immer öfter Tage, an denen ich mich, zumindest ein kleines bisschen, darauf freue, wieder heimzukommen.

In Ibaraki und auf der Klassenfahrt war es sehr schön. Aber seit ich wieder in Yokohama war, hatte ich dann zu nichts Lust. Vor allem nicht zum Lernen (und auch nicht zum Blogschreiben). Ein bisschen war es wohl Erschöpfung, und ein bisschen lag es wohl auch daran, dass ich von meiner Schule hier genervt war. In Ibaraki habe ich in einer Woche drei Mal mit Freunden was gemacht. Das entspricht wahrscheinlich zwei Monaten hier. Meine Freunde haben fast nie Zeit und nach der Schule, wenn viele Schüler noch essen oder Purikura machen gehen, ist es für uns ja verboten, einen anderen als den direkten Heimweg zu nehmen. Ich würde so gerne öfter was mit Freunden machen. Ich denke, dass ist mir in Ibaraki und auf der Klassenfahrt noch mal richtig klar geworden, so dass ich dann ein bisschen niedergeschlagen war.

Davon, Putzlappen zu nähen

Freitag vor einer Woche war es dann besonders unschön. Ich wollte meine Lehrerin eigentlich nur schnell was fragen und dann früh - wegen der Examen, die letzte Woche waren, hatten wir keinen Club - heimgehen, aber sie fing an, über tausend Sachen zu reden und mir eine Menge Fragen darüber, welchen Unterricht ich jetzt eigentlich mitmachen will, zu stellen, und ich konnte die Fragen nicht beantworten und hatte keine Lust, darüber zu reden und war erkältet und verstand nicht, warum sie mich einfach nicht verstand. Als ich meinen Freunden danach erklärte, was ich will, verstanden die es, aber meine Lehrerin, auch wenn ich weiß, dass sie wirklich versucht, alles gut für mich zu machen, versteht mich nicht. Außerdem sagte sie mir, dass ich praktisch aus dem Handarbeitsunterricht, den ich zusammen mit dem Jahrgang unter mir hatte, rausgeworfen wurde. Weil ich etwas geschrieben hatte, was die Lehrerin als Desinteresse aufgefasst hat. Ich gebe zu, es war wirklich nicht nett, was ich geschrieben habe. Wir mussten nämlich Putzlappen nähen. Das heißt, man bekommt einen großen Lappen, den man vierteln muss und dann nach ein paar Regeln zusammennähen. Die Lappen benutzen wir dann später, um mit ihnen die Schule zu putzen, was wir ja auch selbst machen. Meiner Meinung nach könnte man mit den Lappen auch gut putzen, ohne sie vorher zusammen zu nähen, aber ich denke, es ist wahrscheinlich einfach billiger als richtige Sachen zu nähen. Während dem Nähen durften wir uns nicht mal unterhalten, was uns alle am meisten aufregte. Zwei Stunden Nähen ist ja schön und gut, aber zwei Stunden schweigend Nähen ist wirklich blöd. Vor allem verstehe ich den Grund nicht. Also gut, so nähten wir also und unterhielten uns natürlich trotzdem etwas, und ich gab mir wirklich Mühe und mein Lappen war auch ganz schön ordentlich. Und dann mussten wir am Ende ein Kansou schreiben, das müssen wir ständig, da schreibt man, wie man es fand oder was man gefühlt hat, was einen interessiert hat oder wo man Probleme bzw. Erfolge hatte. Bei der Klassenfahrt oder so ist das verständlich, aber was soll man denn schreiben, wenn man Putzlappen näht? Also schrieb ich, dass es langweilig sei und schöner, wenn wir dabei reden dürften und dass ich froh sei, dass ich das in Deutschland nicht machen müsste. Ich gebe zu, dass es nicht nett war und im Nachhinein tat es mir auch etwas leid, aber ich saß immerhin inmitten von 45 Leuten, die alle das gleiche dachten. Meine Sitznachbarn fanden es also sehr lustig. Die Lehrerin aber offenbar nicht, jedenfalls sagte sie danach meiner Lehrerin, dass ich lieber nicht mehr kommen sollte, da ich offenbar kein Interesse daran hätte. Da ärgerte ich mich ziemlich über mich selbst. Vorgestern habe ich sie allerdings wieder getroffen, und sie war total nett und es klang eher so, als ob sie einfach denkt, dass es für mich schöner ist, wenn ich nicht komme.

Examen und AFS-Feier

Letzte Woche hatten wir jetzt also Examen. Ich machte wieder Englisch und Mathe und diesmal außerdem Bio. Und am Freitag wurde mir erlaubt, dass ich den ganzen Vormittag in der Bibliothek lernen darf, weil gestern mein Japanischtest war. War ganz okay, hoffe ich. Das Ergebnis erfahre ich im Januar. Für die Schulexamen habe ich leider erst sehr spät, ungefähr am Samstag, angefangen zu lernen, was man an meinen Punkten auch sieht, aber ist ja eigentlich egal. Nur ein paar Lehrerwundern sich vielleicht.  

In den letzten Wochen habe ich außerdem viel mit den anderen Austauschschülern gemacht, jede Woche, manchmal sogar Samstag und Sonntag. An einem Tag war zum Beispiel die 100-Jahre-AFS/60-Jahre-AFS-Japan-Party. Dort waren viele Austauschschüler, viele, die ich seit März nicht mehr getroffen hatte und manche, die ich noch nicht kannte, weil sie erst im August kamen. Wir waren ungefähr 10 Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und redeten so einen ganzen Tag lang Deutsch. Außerdem machten wir Stände über unsere Länder und während die aus den anderen Ländern alle tolle Sachen mitgebracht hatten, hatte von uns 10 (wir waren zusammen) nur ein Schweizer ein paar Kalender und ich ein paar Fotos mitgebracht, weshalb der Stand ganz schön karg aussah. Die eine Hälfte der Leute konnte außerdem noch kein Japanisch und die andere verkrümelte sich immer, so dass ich die meiste Zeit alleine die Fotos irgendwelchen Besuchern erklärte. Aber es machte eigentlich großen Spaß. Außerdem kam eine japanische Prinzessin, ich habe leider gerade den Namen vergessen, und redete auch mit mir (und mit allen anderen). Das war toll. Dabei fällt mir ein, dass ich Sonntag vor einer Woche außerdem den japanischen Premierminister gesehen habe, der aus dem Auto zu uns winkte, nachdem er wahrscheinlich im Ramen des Wahlkampfes (in einer Woche sind hier Wahlen) eine Rede hielt oder so.

Wie tolerant sind wir?

Was außerdem interessant dabei war, dass ich die anderen Austauschschüler so viel traf, war, dass ich mitbekam, dass viele AFS Japan richtig blöd finden. Weil die so streng sind. Irgendwie hatte ich nie ein Problem mit denen. Weil ich sowieso keine Sachen machen will, die AFS Japan für ungut hält, total brav bin und in meiner Gastschule als perfekte Austauschschülerin gelte, was sich dann auch positiv auf die Meinung von AFS und somit ihre Strengheit auswirkt, denke ich. Außerdem kann ich bei meiner Schule wirklich schlecht darüber meckern, dass AFS streng wäre. Also, für die, die demnächst nach Japan gehen, wenn ihr vorhabt, viel mit Austauschschülern zu machen oder weitere Wege bis nach Tokyo zu fahren oder irgendwo übernachten wollt oder ähnliche Dinge, könntet ihr hier Probleme bekommen. Naja, manche Sachen sind schon richtig gemein, weil es zum Beispiel extrem vom Chapter abhängt, was erlaubt ist und was nicht, und dass viele Regeln nirgends festgeschrieben sind. Aber andere Dinge fand ich eigentlich auch ziemlich erwartbar. Zum Beispiel sagen viele hier, dass sie nicht wie Kinder behandelt werden wollen, weil sie immerhin schon 16 oder 17 sind. Aber es ist eben so, dass 16-Jährige hier in den Augen der meisten noch als Kinder gesehen werden (man gilt ungefähr so lange als Kind, wie man in der Oberstufe ist. Volljährig wird man aber erst mit 20 und Alkohol sowie Zigaretten sind natürlich auch erst ab 20 erlaubt). Aber das stand eigentlich von vornherein in den Unterlagen, die wir bekamen. Genauso, wie dass wir nicht reisen dürfen und dass es unerwünscht ist, dass wir viel mit anderen Austauschschülern machen.  Außerdem sagen viele Südamerikaner, dass es doch albern sei, ihnen erklären zu wollen, dass Tokyo gefährlich sei, wenn man mal überlegt, wo sie herkommen. Das ist es wahrscheinlich tatsächlich.

Aber ich kam trotzdem etwas ins Grübeln. Wie tolerant sind wir Austauschschüler eigentlich? Ich meine, wir erwarten von jedem Japaner hier, dass er uns verzeiht, wenn wir ihn unwissentlich in unhöflichem Japanisch ansprechen oder irgendwelche Verhaltensregeln missachten. Wir sehen so viele Dinge und denken uns, das ist schlecht, das ist in meinem Land besser. Und klar, es ist ja auch gut, sich eine Meinung zu bilden. Aber andererseits haben wir uns ja alle freiwillig dazu entschieden einen Schüleraustausch nach Japan zu machen. Für was, wenn wir im Unterricht schlafen, die Hausaufgaben nicht machen, während alle die Tests schreiben Ferien haben, nicht mit unseren Gastfamilien sprechen und auf all die Rechte, die wir in unseren Heimatländern hatten, bestehen? Vielleicht, dachte ich mir irgendwann, sind wir ja eigentlich auch intolerant. Man muss ja nicht alles toll finden. Man soll nicht alles toll finden, denke ich. Aber wenn man sich entscheidet, als Schüler in ein Land zu gehen, in dem Schüler als Kinder gelten, dann sollte man sich dem vielleicht beugen. Oder nicht? Auch andere Dinge sind mir aufgefallen. Zum Beispiel, dass es viel mehr Menschen als in Deutschland gibt, die man respektiert oder verehrt. Das fängt schon beim Verbeugen vor dem Unterricht an oder dabei, was für eine hohe Stellung der Schulleiter hat. Mich nervt das oft. Unser Schulleiter hier ist eigentlich sehr freundlich. Aber man hätte nie das Gefühl, dass man zu ihm gehen könnte, wenn man ein Problem hat. Aber irgendwann dachte ich mir, dass auch das wohl einfach ein Teil der Kultur hier ist. Klar, war mir eigentlich von vornherein klar, aber ich hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht. Und auf einmal fragte ich mich, warum es mich beim Aikido eigentlich noch nie gestört hat, mich tausendmal vor dem Meister zu verbeugen.

Das war jetzt ein etwas unstrukturierter Eintrag mit einer seltsamen Auswahl an Themen, aber ich will ihn eifach endlich mal veröffentlichen, weil ich schiebe das schon so lange vor mir her und mit jedem Tag, an dem neue Dinge geschehen, wird es schwerer, alles aufzuschreiben. Vielleicht klang das was ich geschrieben habe alles etwas negativ, aber das sollte es gar nicht. Es geht mir gut. Ich versuche, bald mal wieder zu schreiben.

Pauline 

Samstag, 01.11.2014

#41 Was meine Lehrerin so erzählt hat

Zur Zeit haben wir hier frischen Reis, denn im Herbst wird der Reis geerntet. Der, den wir essen, ist sogar besonders, denn er wird von Verwandten von meinem Gastvater in Niigata, einer Präfektur im Nordwesten, angebaut und wir bekommen ihn in einem großen Sack zugeschickt. Er ist noch ungeschält (brauner Naturreis) und jeden Abend schälen Okaasan oder Otoosan ihn in einer Art elektrischen Schleuder.

Auf dem Heimweg vom Aikido

Meine Lehrerin spricht gerne Englisch (sie ist Englisch aufgewachsen), so dass sie eine der zwei Personen in der Schule ist, die immer noch mehr Englisch als Japanisch mit mir reden, obwohl sie mir am ersten Tag gesagt hat, sie würde nur dann Englisch benutzen, wenn ich es anders wirklich nicht verstehe. Und außerdem hat sie die Angewohnheit sowieso sehr sehr viel zu erzählen, auch völlig belanglose Dinge. So kommt es, dass sie mir zum Beispiel im Zug auf dem Rückweg vom Aikido, während sie mir ein Aikidovideo zeigt, erzählt wer die Leute sind (die ich angeblich alle kenne, aber ich kann mich nicht einmal mehr an die Gesichter erinnern), warum sie sie seit hundert Jahren kennt, was sie selbst damals machte, was die Leute machten, auf welche Uni sie gingen und warum und wo die Unis sind und was der Unterschied und die Besonderheiten der Unis sind und unter welchen Umständen und wann die Aikidoclubs an den Unis von wem gegründet wurden, wann und wo sie trainieren, früher und heute... Manchmal erzählt sie interessante Dinge. Aber oft ist es recht langweilig und vor allem hat es regelmäßig zur Folge, dass ich vergesse, was ich sie fragen wollte. Manchmal gibt es eben Dinge, über die ich gerne mit ihr reden will, aber in der Schule ist meistens nicht so viel Zeit, also kommt mir eine halbstündige Fahrt zum Aikido doch sehr gelegen. Nur wenn sie dann in einem fort über irgendwelche Unis am anderen Ende der Präfektur Kanagawa redet, vergesse ich es leider.

Regeln und deren Gründe

Manche Dinge sind aber wie gesagt interessant. Zum Beispiel wenn sie über Schule spricht. Sie kennt die westliche Art des Unterrichts, weil sie auf der internationalen Schule war und ihre Kinder auch dort sind. Was sie darüber denkt, weiß ich zwar nicht genau, aber sie sagte mir, sie würde ihren Schülern auf der japanischen Schule raten, wenn sie zum Beispiel entscheiden, welche Naturwissenschaft sie machen wollen und ob sie den naturwissenschaftlichen oder den geschichtlich-sprachlichen Teil machen wollen (hier ist das so aufgeteilt), dass sie das wählen sollen, was sie weniger interessiert. Denn sie meint, wenn einen Geschichte zum Beispiel wirklich interessiert, dann findet man den Unterricht einfach nur viel zu langweilig und man fängt an, über alles möglich nachzudenken (also das, was wir in Geschichte in Deutschland sollen) und dann fällt es einem schwerer, dass alles auswendig zu lernen. Übrigens meint Okaasan, dass es schon auch allen Japanern klar ist, dass ihr Englischunterricht Mist ist, aber sie lernen halt für die Uni-Aufnahmetests und solange sich die nicht ändern, ändert sich natürlich auch der Unterricht nicht. Allerdings sagte sie, dass die Tests sich schon ein bisschen verändert haben. Früher hätte man sie bestanden, wenn man nur Vokabeln und Grammatik gekonnt hätte. Heute muss man immerhin die Bedeutung der Sätze verstehen. Meine Lehrerin sagte mir außerdem, dass es in japanischen Schulen, genauso wie eigentlich in ganz Japan, ein großes Problem mit Selbsmördern gäbe. Sie sagte, in den Schulen läge das daran, dass die Leute gemobbt würden. Außerdem ist sie der Meinung, dass es so viele Selbstmörder gibt, weil Japaner nicht religiös sind. Nicht nur nicht christlich, sondern überhaupt nicht wirklich religiös. Deshalb würden sie sofort die Hoffnung verlieren und keinen anderen Weg sehen. Meine Lehrerin ist tatsächlich katholisch (es gibt auch buddhistische Lehrer oder Lehrer ohne Religion an der Schule). Sie versucht auch ab und zu, die Schuluniform mit der Bibel zu erklären. Ist ja nicht so, dass 99,9 Prozent (Schätzung von mir) der japanischen Mittel- und Oberschulen Schuluniformen haben. Auch die Regelung, dass wir keine Handys und mp3-Player und Kameras und so mit in die Schule nehmen dürfem, hat ihrer Meinung nach einen religiösen Hintergrund (Manga und Kartenspiele sind auch verboten). Außerdem sagte sie, wir sollten uns daran halten, denn sonst würden die Ausländer, von denen es in der Gegend der Schule ja eine Menge gibt, in der Schule anrufen, und fragen, ob das denn erlaubt sei. Denn Japaner würden dass nicht machen, aber Ausländer würden sich darüber wundern. Das mag stimmen, aber trotzdem fand ich es nicht toll, dass sie es sagte. Denn ich fand, dass man es gut so verstehen konnte, als habe ich irgendwas verpetzt, aber das habe ich nicht. Ich sehe sogar darüber hinweg, dass das Mädchen neben mir abwechselnd im Unterricht (!) Manga liest und auf dem Handy Musik hört. Außerdem glaube ich, dass die Ausländer vielleicht bei der Schule nachfragen, ob es okay ist, aber nur, weil sie so etwas offener sagen. Aber sie werden nicht schlecht über die Schule denken, weil irgendwelche Schüler Musik hören oder so, was eher die Japaner machen, aber halt im Stillen. Auf dem Schulweg werden wir ja auch immer so etwas von Lehrern überwacht, die am Wegrand stehen und uns sagen, dass wir nicht den ganzen Weg blockieren sollen. Je nach Lehrer variiert das dann, ob wir zu zweit nebeneinander laufen dürfen, oder auch nur einzeln. Das machen sie angeblich, weil sonst irgendwelche Opas in der Schule anrufen, und sich beschweren. Was dann ein Problem für die Schule ist. In der Hinsicht ist es hier wirklich sehr anders als in Deutschland. Der Ruf der Schule und so ist sehr wichtig.

In zwei Wochen fahre ich auf Klassenfahrt, und ich habe schon die Liste mit Sachen bekommen, die ich minehmen muss (und die mit Sachen, die ich nicht mitnehmen darf). Es ist alles vorgeschrieben, zum Beispiel müssen wir Nähzeug mitnehmen (falls ein Knopf abgeht oder so) und Schuhbürsten (wahrscheinlich um unserer Schuhe zu putzen. Wir müssen die ganze Zeit Schuluniform tragen und auch die Kleidung für Abends ist vorgeschrieben (Sportkleider). Das einzige, was wir frei entscheiden dürfen, sind unserer Schlafanzüge. Im März erklärte mir meine Lehrerin die Länge der Uniform und dass wir nur Schuhe mit niedrigen Absätzen tragen dürfen, übrigens damit, dass uns die Lehrer sonst auf der Klassenfahrt nicht wieder erkennen könnten, wenn die Röcke unterschiedlich lang wären. Das ist wirklich albern.

Eine Woche Ibaraki

Heute fahre ich nach Ibaraki (eine Präfektur nördlich von Tokyo), wo wir alle (fünf Austauschschüler) bis nächsten Sonntag in anderen Gastfamilien wohnen und eine Woche lang in andere Schule, gehen. Mir wurde gesagt, es sei eine gemischte Schule und ich freute mich, aber wie sich herausgestellt hat, ist es wieder eine Mädchenschule. Eigentlich ist Mädchenschule aber auch lustig. Eigentlich mögen alle Mädchen von Mädchenschulen Mädchenschulen. Es ist halt nur immer mit ein bisschen Neid auf die Schülerinnen von anderen Schulen verbunden. Und ich glaube, ich bin froh, nicht 12 Jahre lang auf einer Mädchenschule gewesen zu sein.

Pauline

Donnerstag, 23.10.2014

#40 Deutschland in 20 Minuten

Meine zwei Tage Schulfrei sind zwar eigentlich schon wieder vorbei, aber aufgrund einer erneuten Erkältung liege ich immer noch im Bett, schon seit gestern. Dabei hatte ich mich so auf gestern gefreut - alle aus meinem Jahrgang aus dem Teezeremonieclub gingen grillen. Naja, ich habe den ganzen Tag geschlafen, es war sehr vernünftig, nicht mitgegangen zu sein.

In letzter Zeit ging es mir ansonsten ziemlich gut. Seitdem die Tests vorbei waren, also ungefähr seit meinem Geburtstag, war ich recht fröhlich, ohne das wirklich was besonderes passiert wäre. Die Tests waren ja vorbei und so hatte ich Zeit um viel Manga zu lesen und zu den Kulturfests der Schulen der anderen zu gehen und relativ oft war auch nur vormittags Unterricht. Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, war die Woche nach meinem Geburtstag eigentlich auch recht stressig. Und zwar weil ich erfuhr, dass ich am Mittwoch den 1. 10. eine Präsentation über Deutschland vor meinem ganzen Jahrgang halten musste. Meine Lehrerin meinte, der Termin stehe seit März fest, aber aus irgendeinem Grund habe ich erst am Tag nach meinem Geburtstag, also eine Woche vorher, davon erfahren. Die Präsentation konnte bis zu eine halbe Schulstunde lang sein. Es hätte keinen Mensch gestört, wenn sie kürzer gewesen wäre. Es hätte auch keinen Mensch gestört, wenn ich irgendwelches oberflächliches Zeug erzählt hätte. Wenn ich abgelesen oder herumgestottert hätte. Mich halten ja sowieso schon alle für eine Art Gott. Aber das wollte ich nicht. Ich meine, ich bin jetzt schon seit sieben Monaten hier und mir wurden so viele Fragen über Deutschland gestellt. Ich habe mich ein halbes Jahr lang über das japanische Schulsystem aufgeregt, habe zehntausendmal gesagt, dass Deutsche nicht die ganze Zeit Bier trinken und Würstchen essen und Sachen gehört wie "wir Japaner und Deutsche gehören zusammen - wir haben zusammen verloren".

Ich hatte also das Gefühl, nur eine einzige Chance zu haben, um das japanische Bild von Deutschland wenigstens ein bisschen gerade zu rücken, die häufigsten Fragen einmal für alle zu beantworten und vielleicht, leicht versteckt, auch ein kleines bisschen Kritik zu üben. Und deshalb wollte ich es so gut wie möglich machen. Erstmal erschien es mir wie eine aussichtslose Sache. Ich hatte ja jeden Tag Unterricht und Club und Samstag Japanischkurs und Sonntag Wandern. Aber nachdem ich meine anfängliche Wut auf meine Lehrerin überwunden und zwei Tage lang nachgedacht hatte, began mir das Ganze richtig Spaß zu machen und langsam kam mir auch die Erkenntnis, dass es eher zu lang als zu kurz werden würde. Ich habe also den ganzen Samstag vor dem Computer verbracht, um eine Power Point Präsentation zu machen, habe meinen Text von meiner Japanischlehrerin und den VTs gegenlesen lassen und auch nach dem Wandern (vor sechs Uhr morgens aus dem Haus und um halb sechs Uhr abends wieder zuhause) noch geübt. Und ja, ich würde sagen, dass es gut wurde. Auch wenn ich leider zwei der wichtigsten Sätze vergessen habe. Aber immerhin habe ich über zwanzig Minuten frei gesprochen. An dem Mittwochabend kam im Fernsehen übrigens eine zweistündige Sendung über Deutschland, die jeder sah. Nur meine Gastfamilie, die immer, immer fernsehen, hatten davon irgendwie nichts gehört. Ich hätte sie so gerne gesehen! 

Der (grobe) Inhalt der Präsentation:

  • Lage, Nachbarländer, Landschaft (sehr oberflächlich)
  • Dass deutsche Geschichte mit der Geschichte anderer europäischer Länder zusammenhängt und sich deshalb Kultur und Sprachen ähneln. 
  • Dass man einfach in andere Länder reisen kann
  • Schule (Hitzefrei, keine Uniformen, keine Senpai-Kouhai-Beziehung, wie jap. Uni, Klassenzimmer)
  • Unterricht (mündliche Note, Englisch, Geschichte)
  • Viele Ausländer, auch Sportler und Politiker, die aus anderen Ländern stammen
  • deutsches Essen (nicht nur Bier und Würstchen)
  • Deutsche Flagge und dass die deutsche Nationalhymne nicht besonders oft gesungen wird

Dazu noch ein paar Anmerkungen: Bei den ersten drei Punkten muss man sich klar machen, dass Japan ein Inselstaat ist, dass es also keine Nachbarländer hat und sich die Form auch nie verändert hat. Und dass man nicht so leicht in andere Länder kommt, so dass viele meiner Freunde tatsächlich noch nie im Ausland waren. Ansonsten habe ich auch andere Dinge gesagt, von denen ich wusste, dass es alle überraschen würde, wie zum Beispiel Hitzefrei oder dass ich in Deutschland erst einmal einen Schüler gesehen habe, der im Unterricht geschlafen hat. Dann natürlich Englischunterricht und Geschichte. Japanischer Geschichtsunterricht regt mich einfach auf. Man muss sagen, dass die Schüler hier mehr über alte europäische Königshäuser wissen als ich. Aber es ist doch vollkommen sinnlso, all diese Namen herunterbeten zu können. Ich habe ihnen also gesagt, dass man in Deutschland in der Schule nicht so viel auswendiglernen muss, sondern dass man alte Texte liest und die vergleicht. Dass man sich selbst eine Meinung bilden muss und dass es wichtiger sei, zu verstehen, weshalb irgendwas passiert sei, als nur die Daten und Namen zu lernen. Es haben auch alle zugestimmt. Dann aus der gleichen Motivation auch noch das über Ausländer. Das gibt es hier nicht. Es gibt zwar relativ viele ausländische Baseballspieler, und auch Sumoringer, die in der japanischen Liga spielen, aber keine in der Nationalmannschaft. Und erst recht keine Politiker. Und dann noch das über die Nationalhymne. Sie wird in Deutschland wirklich nicht besonders oft benutzt, oder? Ich kenne jedenfalls eine Menge Menschen, die sich aus Prinzip weigern, sie mitzusingen. 

Nationalhymne

Aber was das angeht sind Deutsche wohl eh ziemlich alleine. Beim AFS-Sommercamp hörten wir jeden Morgen und Abend die japanische Nationalhymne während die japanische Flagge gehisst bzw. eingeholt wurde (nur damit das jetzt niemand falsch versteht, dass hatte nichts mit AFS zu tun und ich denke, AFS hätte darauf auch gerne verzichtet. Aber wir waren in einem großen Haus mit vielen anderen Gruppen zusammen und da gehörte es eben mit zum Programm, das für alle Gruppen Pflicht war). Das standen wir also auf einem großen Platz, mehr oder weniger ordentlich, sahen am ersten Abend sogar Fuji-san im Abendlicht, mussten unsere Hüte, sofern vorhanden, absetzten, und hörten diese Hymne. Ich weiß nicht, ob irgendwer weiß, wie die japanische Nationalhymne klingt. Sie ist sehr langsam und seeehr dramatisch. Ich kam mir jedes Mal wie in einem Kriegsfilm vor. Das war eine der Sachen, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber ich glaube, egal wie sehr sich unsere Meinungen in Hinsicht auf Englischunterricht oder die Beziehung zwischen Japan und China auch ähneln mögen, wie es mir während dieser morgendlicher und abendlicher Appele (?) ging, das können selbst die anderen Austauschschüler nicht verstehen. Denn egal in welchem Land, auf die Nationalhymne ist man glaube ich fast überall genauso stolz wie es auch die Japaner sind, und ist auch solche Appele gewohnt.

Trotzdem war es toll, mit den anderen Austauschschülern zu reden (womit ich jetzt wieder aufs Camp zurück komme, aber was soll's). Es ist wirklich irre. Egal mit wem ich rede, jeder, ob Thailänder, Brasilianer, Mexikaner, bemängelt die gleichen Dinge über den japanischen Englischunterricht: Es werden zu viele Vokabeln gelernt, zu schwere Grammatik behandelt, zu viel auf exaktes Übersetzen beharrt und zuwenig geübt. Mir ist klar, dass ihr inzwischen alle wisst, dass mir der Englischunterricht hier auf die Nerven geht, aber ich fand es trotzdem beeindruckend, dass wirklich alle von sich aus das gleiche sagen. Das gleiche gilt übrigens auch für Geschichte. Ich habe mich zum Beispiel mit einem Mädchen aus Brasilien unterhalten und sie hat die gleichen Sachen gesagt, die ich auch denke. Das war wirklich schön. 

Oktoberfest

Noch etwas ganz anderes zum Thema Deutschland: In Yokohama gibt es die Deutsche Schule Tokyo Yokohama. Beim Aikido anfang September lernte ich durch Zufall einen Lehrer der Schule kennen, der mir sagte, ich solle doch zum Oktoberfest kommen. Also war ich da vor zwei Wochen mit Shiori. Es war wirklich witzig. Erstmal fanden wir den Weg vom Bahnhof zur Schule, der relativ lang ist, mühelos aufgrund des Menschenstroms, der ihn entlangging. Ich hatte mit einem eher kleinen Fest gerechnet, schließlich ist das eine Schule, die mitsamt Kindergarten nur ein paar hundert Schüler hat. Aber so war es nicht. Es war wirklich groß. Ich glaube, die ganze deutsche Gemeinde aus dem Großraum Tokyo-Yokohama hatte sich dort versammelt (naja, vielleicht nicht ganz, aber es waren gedenfalls viele Leute da). Nicht nur Eltern sondern auch deutsche Firmen hatten Stände dort. Und da gab es dann also Würstchen und Fischbrötchen und Rote Grütze und Brezeln und Kaiserschmarrn und Schnitzelbrötchen und Rösti (Schweizer und Österreicher sind auch in der Schule) und Raclett und Gulasch und Leberkäs und Schupfnudeln mit Sauerkraut (was ich wirklich gerne essen wollte, aber es war so überfüllt, dass ich sie nicht fand) und Lebkuchenherzen und sehr viel Kuchen in einem Raum, vor dem die Schlange so lang war, dass wir uns nicht die Mühe machten, rein zu gehen. Und es gab sehr viel Bier und auch Wein. Für was mache ich mir hier eigentlich die Mühe mit meinen Präsentationen über Deutschland!? Und es gab einen Kunstrasenplatz und die Hälfte der Kinder trug Fußballtrikots. Manche der Klischees stimmen also wirklich. Außerdem trugen viele Leute Fischerhemden (yippie) oder Lederhosen und Dirndle (warum bitte hat die Hälfte der im Ausland arbeitenden Deutschen Dirndle!?). Und ich bestellte also auf Deutsch Essen und sprach leider danach mit Shiori Deutsch und wir saßen in der Sonne auf dem Kunstrasenplatz, Grundschüler mit Bällen wohin man blickte, andere versuchten mit viel zu leiser Stimme Haribo zu verkaufen, unter den Bäumen am Rand waren Slaglines gespannt, und aus den Lautsprechern hörte man den Gesang eines Schulchores. Es mag gemein sein, dachte ich mir, aber man hört schon einen Unterschied zwischen japanischen und deutschen Schulchören. Auch die anschließende Diskussion zwischen den Sängern auf der Bühne, die offenbar noch nicht entgültig geklärt hatten, wer was singt, würde man auf japanischen Schulfesten eher nicht finden. Aber es war lustig. Ein richtig schöner Tag. 

Oktoberfest

Pauline

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